Freud und Leid

In loser Folge stellen wir Geschichten rund um unsere Pferde und uns ein. Es erwarten Sie kleine Geschichten aus dem Hobby-Alltag unserer Gruppe. 

Sylvia Neumann und Zagan Chan

Kompliment

Nach anderthalb Jahren Übung sind mein Vollblutaraber Zagan Chan und ich nun sicher in der Ausübung des „Kompliments“. Das gewollt trainierte Kompliment ist eine Übung, die nicht unterschätzt werden sollte – so schön und einfach es für den Betrachter auch ausschauen mag. Beobachtet man Pferde auf der Weide, sieht man sie auch im Kompliment. Sie zwacken und balgen, knien sich hin, um vor dem Spielpartner zu „flüchten“. Aber: sie können aufstehen wann sie wollen, sie können so tief gehen, wie sie wollen. Sie sind frei in ihrer Entscheidung.

Man muss wissen, dass das bewusst ausgeübte „Kompliment“ für untrainierte und unaufgewärmte Pferde gesundheitsschädlich sein kann. Das Pferd hat ordentlich dabei mit sich zu tun: Rücken lockern, Beine sortieren und mit den Hinterbeinen untertreten. Es soll die Übung ruhig ausführen und das Kommando zum Aufstehen abwarten. Um zu wissen, was es zu tun hat, muss das Tier verstehen, was von ihm gewünscht wird. Warum hat es so lange gedauert, bis Zagan sich „hingekniet“ hat? Da ist der Mensch als Trainer gefragt. Mensch und Tier lernen und verstehen gemeinsam. Albert Einstein erklärt es mit der Relativitätstheorie: eine Minute kann unterschiedlich lang sein – es kommt darauf an, auf welcher Seite der Toilettentür man steht. Der Begriff „lange“ ist wohl von der Perspektive abhängig.

Kreislauf der Gefühle
Bei Zagan kam hinzu, dass er körperliche Schwierigkeiten hatte. Seine Muskulatur war wenig ausgeprägt, er war nicht gymnastizierend geritten, sondern kannte fast ausschließlich nur Geländeritte am „langen Zügel“. Am Anfang seiner und meiner circensischen und reiterlichen Ausbildung fiel es ihm sogar schwer, rechtsherum keine „Eier“ zu laufen. Meist galoppierte er an der Longe fluchtartig los, schlug Haken dabei - und nicht selten zog es ihm die Hinterbeine weg und mein Vollblutaraber lag im Sand. Sein Körpergefühl war minimal. Und ich stand schweißgebadet dabei und konnte nichts tun. Beim Training zum „Kompliment“ war er anfangs sehr damit beschäftigt, alles „richtig“ zu machen, er wusste nur nicht, was von ihm gewünscht wurde. Er machte sich aus der Anspannung heraus, gerne mitmachen zu wollen, im Rücken fest. Dadurch erschwerte er sich seine Aktivität der Hinterbeine. Es ist wie beim Reiten, alles geht von hinten nach vorne. So auch hier. Und von hinten bis vorne tat sich wenig bis nichts. Was ihn wiederum ungeduldig werden ließ. Er wollte begreifen, konnte es aber nicht. Na, und bei mir war es so, dass ich anfangs ein Problem damit hatte, seine 570 Kilo Gewicht neben mir in die „Knie sacken“ zu sehen.
Ein Kreislauf. Steffi und ich hielten dagegen und drehten diesen Kreislauf um: durch gymnastizierendes Longieren, durch meine reiterliche Weiterentwicklung, und mit dem Beginn der Klassischen Ausbildung an der Hand. Zagan entwickelte sich. Und ich mich auch.

Durch Motivation zum Pausenclown
Gebetsmühlenartig haben wir Zagan Chan immer wieder motiviert in Ruhe sein linkes Vorderbein abzulegen. Fast automatisch musste er dafür dann das rechte Bein nach vorn strecken. Aber eben nur fast - wollten wir ihm helfen, es weiter nach vorn durchstrecken, wurde er hektisch. Mit Geduld und endlos vielen Leckerchen und begeisterndem Applaus (ja, richtig gelesen: Pferde können Applaus durchaus zuordnen und fühlen sich bestärkt in ihrem Tun) haben wir allein dafür ein knappes Jahr an Übung benötigt. Diese Zeit hat mein Zagan gebraucht und bekommen. Die Feinarbeit danach ging im Verhältnis recht zügig voran. Er wurde locker und lockerer im Rücken, er wurde ruhig und ruhiger. Ich selber wurde immer größer. Stand ich anfangs noch wie verklemmt gebeugt an seiner Seite und habe seine Schultern und sein Auge blockiert, habe sein Bein an der falschen Stelle touchiert, so wurde ich mit der Zeit selbstsicherer. Die Gruppe hat mich immer wieder korrigiert. Ebenso gebetsmühlenartig, wie auch mein Pferd. Meine Körperhaltung veränderte sich und gibt heute meinem Pferd Sicherheit – so weiß er, dass alles richtig und in Ordnung ist. Zagan ist nun so weit, dass er sich während er „kniet“ sogar die Nüstern am Bein kratzt. Das findet er witzig. Dass er einmal diese Übung mit so viel Ruhe ausführt, und dabei sogar den „Pausenclown“ geben kann – damit hätte ich -unter uns gesagt-nie gerechnet. Er macht das Kompliment nun auch unter dem Sattel.
Aber eines macht er nach wie vor nicht: einen Kniefall auf regennassem Boden.
Und das muss er auch nicht.

Zagan kratzt sich.